Wald und Wild, 16. September 2017

Ein Erlebnisbericht unserer Exkursion am 16.09.2017, im Heslibachertobel unter dem Titel
Wald und Wild

 

21.09.2017 Von: Jonathan Sippel

Küsnachter Amtlich, Küsnachter

Im Heslibachertobel auf den Spuren der Wildtiere

Ein Drittel der Schweizer Landesfläche ist bedeckt von Wald – darum lud der Natur- und Vogelschutzverein Küsnacht ein, das Wild- und Waldleben im Heslibachertobel zu entdecken.

Auch Jäger, Jagdaufseher und Forstwarte sind im Natur- und Vogelschutzverein Küsnacht (NVVK) aktiv, und so lag der Fokus der Waldexkursion vom vergangenen Samstag darauf, wie Wildtiere und Wald zusammenleben. Dieses Miteinander hinterlässt Spuren vielerlei Art. Wie diese zu deuten sind, brachten Dieter Koenig und Simon Meier rund zwanzig Interessierten, ausgerüstet mit Trekkingschuhen und Feldstechern, näher.

Dachse im Mais

Entgegen den Hoffnungen der Teilnehmer gehen Wildtiere Menschen meist aktiv aus dem Weg, und so deutete meist nur ein sporadisches Rascheln im Wald auf ihre Anwesenheit hin. Meier und Koenig nutzten die Abwesenheit der Tiere, um detailliert auf die Spuren einzugehen, die diese im Wald hinterlassen: Sie wiesen zum Beispiel auf das krumme Wachsen von Bäumen hin, deren Knospen von Rehen gefressen wurden. Oder etwa die umgeknickten Stiele in Maisfeldern, welche die Geschichte eines nächtlichen Festmahls einer Dachsfamilie erzählen. Überall präsent waren die sogenannten «Wildwechsel», Trampelpfade im Dickicht, auf denen sich Rehe, Füchse und Dachse wieder und wieder durch das Tobel bewegen.

Der Wald ist nicht nur Lebensraum für eine grosse Menge an Wildtieren, sondern auch für den Menschen: Meier und Koenig wiesen auf die Schutz-, Nutz- und Wohlfahrtsfunktionen des Waldes hin. Ein intakter Wald amtet als Wasserspeicher, und so hätte ein lebendigeres Tobel sowohl die ins Dorf getragene Wassermenge als auch dessen Geschwindigkeit während der Küsnachter Überschwemmung 1778 bedeutend abmildern können. Weiter können Menschen die Holzressourcen nutzen und den Wald auch einfach als solches geniessen – wie es auch die Teilnehmer der Führung taten.

Der Nachmittag stand ganz im Zeichen der Biodiversität: Wiederholt wurde den Teilnehmern die Wichtigkeit eines variantenreichen Waldlebens gezeigt. So verhindert das Knospenfressen der Rehe ein Zuwachsen von Lichtungen und Wiesen, und die schmackhaften Brombeerblätter sorgen wiederum dafür, dass die Rehe nicht so viele Knospen fressen, dass es am Ende keine Bäume mehr gibt.
 

Mehr als nur Schiessen

In dieses gut eingerichtete und doch verwundbare System greift auch der Mensch ein: Er fällt von Zeit zu Zeit einen Baum und sammelt tote Äste auf einem grossen Haufen. Darin tummeln sich neben Mikroorganismen auch Pilze, Insekten, Schnecken und Mäuse, was wiederum Igel, Hermeline und Marder anlockt – so versucht der Mensch, die komplexe Nahrungskette zu unterstützen. Wichtig ist die menschliche Rolle auch im Kampf gegen Neophyten – fremde, nicht heimische Pflanzen –, welche das einheimische Pflanzenleben zu verdrängen drohen. Etwa finden sich am Wegrand immer wieder entfernte Sommerflieder, welche sich sonst ungebremst auszubreiten drohen. «Keinen Wald ohne Wildtiere und keine Wildtiere ohne Wald», damit umschreibt Meier das natürliche Zuspiel. Beispielsweise verbreiten Wildtiere Baumsamen und -früchte und durchwühlen den Boden – wichtige Beiträge zum Fortbestehen des Waldes. Doch auch bei den Wildtieren muss der Mensch gezielt eingreifen: Zu viele Wildtiere einer Art bedrohen das Gleichgewicht. Daher müssen die ehrenamtlich arbeitenden Jäger Populationen gezielt regulieren. Ihre Aufgabe beschränkt sich jedoch nicht aufs Schiessen: Jäger und Jagdaufseher rücken auch bei Autounfällen mit Wildbeteiligung aus, kümmern sich um verirrte Füchse im Dorfkern oder gar in Wohnhäusern und retten Rehkitze aus zu mähenden Wiesen. Im Moment, so ein anwesender Jäger, fürchten sie vor allem die Ankunft der Wildschweine in Küsnacht – diese kämen näher und näher und erforderten im Ernstfall weit mehr Aufmerksamkeit, als den Jägern lieb ist. Für sie bedeuten Wildschweine daher in erster Linie landwirtschaftliche Schäden und viele nächtliche Stunden auf dem Hochsitz.
 

Menschliche Spuren

Der Nachmittag im Tobel schärfte den Blick für das Leben, das sich unbeobachtet im Wald abspielt. Die deutlichsten Spuren hinterlassen jedoch die Menschen: Sie legen Kieswege an, bauen Brücken und Sitzbänke und fällen von Zeit zu Zeit einen Baum. Erfreulicherweise finden sich im Heslibachertobel kaum weitere Spuren von Menschen – die sonst nicht unüblichen Plastikflaschen und Sandwichverpackungen am Wegrand sind nicht zu sehen. Insgesamt boten das Tobel, die glücklichen Wetterbedingungen und das Rahmenprogramm des Natur- und Vogelschutzvereins einen lehrreichen Samstagnachmittag. Für diejenigen, die der einsetzenden Kälte bis zum Ende trotzten, zeigte sich zum Schluss sogar ein Reh am Waldrand – und nach diesem Nachmittag wussten auch alle Anwesenden, dass der weisse Fleck auf dessen Hinterteil «Spiegel» genannt wird.